Wenn unser Herz daran hängt, dann können wir alles erreichen.
Jedes Feuer ... beginnt mit einem kleinen Funken.
Jeder Ozean ... entsteht aus einem kleinen Tropfen.
Jede noch so große Reise ... beginnt mit einem ersten Schritt ... im Kopf!
Die Sage vom "langen Strumpfstricker von Eschbach", eine Geschichte hier aus dem Taunus, hatte mich regelrecht magisch in ihren Bann gezogen. Neben dem Titelhelden "Wolf" Becker interessierte mich immer mehr das Schicksal seiner Frau, die ihrem entführten Mann vom Taunus bis nach Potsdam zu Fuß folgte. Mir gingen die Fragen nicht mehr aus dem Kopf: Was hat diese Frau damals bewegt, ihren kleinen Sohn Verwandten in die Betreuung zu übergeben, Haus und Heimat zu verlassen und in die Ungewissheit zu ziehen? Welche Hoffnungen und welche Ängste hatte sie? Was hat sie gefühlt?
Deshalb hatte ich mich im letzten Jahr entschlossen, diese Wanderung der "Beckerin von Eschbach" selbst zu unternehmen. Inzwischen bin ich wohlbehalten nach ca. 600 km Fußweg (inkl. Ausflüge an den Wochenenden und ungeplante Umwege) wieder zu Hause angekommen. Auf dieser Seite gebe ich Euch - in jetzt verkürzter Form - einen Einblick in die Vorbereitung und Durchführung meinesersten großen Projektes als "wandernde Mundwerkerin"
Ihr wollt die Geschichte vom "Langen Strumpfstricker aus Eschbach" und meine eigenen Wandererlebnisse gerne lebendig und vollständig erzählt bekommen? Gerne nehme ich Anfragen für Erzählveranstaltungen entgegen. (Ich werde nämlich KEIN Buch schreiben, mich kann man nur "mit Haut und Haaren" erleben!
Wichtig: mind. 2 Stunden dafür einplanen, meine Zuhörer in Raben hatten nach fast 3 Stunden noch nicht genug von mir. Gerne erzähle ich am Lagerfeuer oder im Zelt, auf Strohballen, kuscheligen Sofas, Bühnen-Fußboden, Baumstämmen, im Gras ...
Foto: Aufführung der Eschbacher Bauernspiele 1947
Ein Eschbacher Handwerker wird auf dem Weg zur Frankfurter Messe von den Werbern des Soldatenkönigs an der Lochmühle betäubt und nach Potsdam verschleppt. "... sie kauften nicht nur seine Waren, sondern nahmen ihn gleich selbst mit ..."
Ein kleiner Absatz im Buch "Geschichten aus dem Usinger Land", der genau das aussagt, was neben dem Bild steht, machte mich im Jahr 2008 neugierig. Ich befand mich in meiner Ausbildung zur "Goldmund-Erzählerin" und war auf der Suche nach einer Geschichte, die ich zu meiner Zertifizierung erzählen könnte. Doch leider: So viel ich auch herum fragte, niemand konnte mir Genaueres zu dieser Sage aus meiner Heimatgegend erzählen.
Anfang 2009 wurde ich von zwei verschiedenen Seiten jedoch auf die "Eschbacher Bauernspiele" hingewiesen. Dort haben vor und nach dem 2. Weltkrieg die Dorfbewohner Theater im Freien gespielt ... an den Eschbacher Klippen. Und 1947 hätte ein Volksstück auf dem Programm gestanden, dass den Namen "Der lange Strumpfstricker von Eschbach" trägt. Ein Mitglied des Burgvereins gab mir auch den Tipp, dass es da einen uralten Roman gebe, der "Der lange Becker" heißt.
Ich sprach also mit Zeitzeugen - Zuschauern und Darstellern der "Bauernspiele" ... und ich fand den Roman im Internet bei einem Antiquariat in der Nähe von Rheinsberg. Da er in altdeutscher Schrift geschrieben war, konnte mir der Verkäufer nichts über den Inhalt sagen. Allerdings überzeugte mich die Abbildung eines preußischen Soldaten auf dem Einband. Und als ich das Buch gelesen hatte, gab es kein Halten für mich mehr ...
Im Mai 2009 setzte ich mir also das Ziel: Ein Jahr würde ich brauchen, um mich vorzubereiten. Ich würde die Strecke auswählen, in Etappen einteilen und dann sehen, wo ich unterwegs nicht nur übernachten, sondern auch erzählen kann ... denn das sollte es werden, eine Wanderung, auf der ich andere mit meinen Geschichten beschenke und gleichzeitig neue Geschichten sammle ... so wie es früher üblich war. Und das Jahr brauchte ich auch, um zu trainieren ... denn schließlich war ich nicht gerade geübt im Langstrecken-Wandern.
Hier also einige Meilensteine der Vorbereitung:
Foto: An den Eschbacher Klippen während der Vorbereitung meiner Wanderung im Herbst 2009
08.06.2009 Ich lege den Zeitraum fest. Die Reise wird etwa 3 - 4 Wochen in Anspruch nehmen. Ich möchte weder im Winter noch im Hochsommer wandern. Ich konzentriere mich auf einen Termin im Mai/Juni 2010 (mit Start Himmelfahrt oder alternativ 01. Mai). Ich mache meinen Entschluss öffentlich.
10.06.2009 Die ersten Unterstützungsmeldungen von Freunden treffen ein - Zuspruch erreicht mich per Mail. Ich nehme mir eine Landkarte und überlege mir, wo eine Frau vor 300 Jahren lang gelaufen sein kann. Ich entwerfe erste Varianten für die Strecke.
19.06.2009 Ich entdecke bei meinen Vorbereitungen - insbesondere beim Training - dass Ausdauer zu meinen absoluten Stärken gehört ... und auch, dass ich mit meinem Projekt meine Schwäche, alles sofort und perfekt zu machen, sicher überwinden werde.
04.08.2009 Ich habe in den Sommermonaten einige erste Erfahrungen mit dem Durchführen von Erzählveranstaltungen gesammelt. Auf Mittelalter-Märkten bin ich jetzt mit meinem eigenen Zelt unterwegs. Außerdem habe ich mir richtige Wanderschuhe gekauft und bin sehr zufrieden damit.
14.08.2009 Eine Reiseerlaubnis vom Landesfürsten, so wie es vor 300 Jahren noch notwendig war, brauche ich ja nicht. Doch so ein amtliches Dokument kann vielleicht sehr nützlich sein. Ich bitte unseren Bürgermeister um ein Empfehlungsschreiben, es wird mir gewährt. Zusammen mit Lebenslauf und Bewerbungsschreiben kommt es in eine Mappe, die ich in 30facher Ausführung anfertige. Diese werde ich an die Städte und Gemeinden, Tourismusbüros und ggf. andere geeignete Organisationen der geplanten Etappen-Orte versenden.
17.09.2009 Erste Antworten auf meine Bewerbungsmappen treffen ein. Von der Tourist-Information Eschwege - Meißner - Meinhard - Wanfried empfiehlt man mir die dortige Märchenerzählerin Ute Baden, von der ich auch gleich eine Mail erhalte. Es entwickelt sich eine dauerhafte Erzählerinnen-Freundschaft. Die Stadt Waldkappel verweist mich an das dortige "Bündnis für Familie".
06.10.2009 Nachdem ich die erste geplante Etappe an mehreren Tagen in kleineren Abschnitten abgelaufen bin (hab mein Auto immer auf einem Parkplatz abgestellt, bin so etwa 5 km gelaufen und dann über einen anderen Weg wieder zurück), entschließe ich mich, gleich zu Anfang eine zusätzliche Etappe einzuplanen. Mehr als 25 - 26 km sollen es pro Tag nicht mehr werden. Einige Tage später laufe ich fast die komplette 1. Etappe (bis zu den Eschbacher Klippen sind es ca. 16 km)
09.11.2009 Die Stadt Eisleben hatte auf meine Bewerbung geantwortet und lädt mich zu "Luthers Geburtstag" mit meinem Erzähler-Zelt ein. Es wird eine schöne Veranstaltung.
20.11.2009 In der "Taunuszeitung" erscheint ein ausführlicher Vorbericht. Ich fühle mich im Interview noch etwas unsicher ... so vor der Presse im freien Erzählen ... und dann die Fotos ... ich mag es nicht, gestellt fotografiert zu werden.
06.12.2009 Noch 150 Tage. Ich lege mir ein Maßband zu, von dem ich jeden Tag einen Zentimeter abschneide. Auf meine Bewerbungsmappen sind KEINE weiteren Antworten gekommen. 3 von 30 - keine große Ausbeute :-( Eine Mappe kommt unzustellbar zurück, ist aber offensichtlich doch geöffnet worden ...
08.01.2010 Ich möchte ja in mittelalterlicher Gewandung unterwegs sein. Dazu passt natürlich am besten eine Kiepe. Diesen Gedanken habe ich dann doch gestrichen. Ist einfach für die Strecke zu schwer und zu unbequem. Also kaufe ich mir günstig bei ebay einen Trekking-Rucksack.
19.01.2010 Ich habe seit einiger Zeit eine Gruppe bei www.wer-kennt-wen.de - Darüber bekomme ich einige wertvolle Hinweise und Übernachtungsempfehlungen. Ich fange an, für die Orte, an denen ich keine privaten Übernachtungsmöglichkeit habe, Hotel- und Pensionsbuchungen bei www.hrs.de vorzunehmen.
30.01.2010 Der lange, heftige Winter bremst mich in meinem Training. Laufen im Tiefschnee ist einfach nicht wirklich toll. Also weiche ich auf Schneeschippen und "Stubenfahrrad" aus.
10.03.2010 Ich erhalte einen lieben Brief aus Eschbach. Margot Becker schickt ihn mir mit Dokumenten zur Legende um den "Langen Strumpfstricker". Es sind Bilder von den Aufführungen an den Eschbacher Klippen vor über 60 Jahren, verschiedene Varianten der Erzählung und auch das Bild eines Gardisten. Letzteres stammt aus einem Werbeblättchen der Wurstfabrik "Herta-AG". Die Firma machte damit vor Zeiten Werbung für eine ihrer Würstchensorten, eben den "Langen Kerls".
31.03.2010 Ich hole mir das OK von meinem Hausarzt und die erste Etappe mit allen zeitlichen Zwischenstationen wird öffentlich gemacht. Am Etappenziel in Butzbach-Ostheim ist eine Veranstaltung geplant.
16.04.2010 Ich freue mich, dass ... ... mein Wollumhang so praktisch für die Wanderung ist und hab ihn auch schon regenerprobt. ... meine neuen Erzähler-Visitenkarten von www.diedruckerei.de gekommen sind. ... meine Übernachtung auf der ersten Etappe kostenlos sein wird. Frau ten Oever hat mich zu sich ins Haus eingeladen! DANKE! ... ich in Mücke nicht alleine erzählen werde! Eine frischgebackene bayrische Goldmund-Erzählerin - Bettina Hackelsperger - wird auf ihrer Harley ins Hessenland kommen. Ich bin schon ganz kribbelig! ... Connie Albers und Dagmar Weyerhäuser haben sich für die Etappe nach Coswig angekündigt. Hotel ist gebucht ... O-Ton Dagmar: "Jetzt hast Du uns auf dem Hals." ;-)
21.04.2010 Im Usinger Anzeiger erscheint ein ausführlicher Vorbericht. Inzwischen bin ich schon lockerer beim Interview und Foto-Termin mit Rucksack ... das sieht man dem Foto auch an.
24.04.2010 Noch 11 Tage und die Befestigung meiner Schaffell-Tasche mit dem Kamishibai am Rucksack bereitet mir etwas Kopfzerbrechen. Doch ich möchte das Tischtheater unbedingt mitnehmen. Die Tasche über die Schulter zu hängen, behindert mich zu sehr beim Laufen. Nun hoffe ich sehr, dass die Verschnürung mit Hilfe eines Gürtels hält.
Doch es gibt auch etwas sehr, sehr Erfreuliches: Frau Lepper vom Hotel "Zum Stern" in Oberaula lädt mich zu einer kostenlosen Übernachtung - auch ohne fest verabredete Veranstaltung - in ihrem Hause ein. Ich bin wieder einmal so begeistert und sicher werde ich erzählen ... spontan!
03.05.2010 Am vergangenen Freitag bin ich also los und habe mal getestet, ob ich 30 km am Stück und mit vollem Wandergepäck laufen kann. Ich hatte Glück - das Wetter war genau richtig. Es war nicht zu warm und sonnig. Auf den Höhen wehte ein kräftiger Wind, gegen den ich mich manchmal ganz schön stemmen musste. Aber es lief alles ausgezeichnet.
Ich hatte mir die Zeit gut eingeteilt. Zu Beginn lag ich noch unter meiner Vorgabe, obwohl ich nicht sehr schnell lief. Nach etwa 2 km musste ich mir zwar die Rückenlänge meines Rucksackes neu einstellen, aber sonst gab es keine großen Probleme ...
ähm, wenn man davon absieht, dass es sehr schwer ist, einen 13 kg schweren Rucksack alleine aufzusetzen. Ich nahm mir vor, künftig darauf zu achten, dass ich eine Bank oder ähnliches zu Hilfe habe.
Eines habe ich noch beim Laufen mit Gewandung bemerkt. Das Kleid sollte nicht zu lang sein und die Säume nicht "hakelig" ... zweimal blieb der HINTERE Saum meines Kleides an den Haken meiner Wanderschuhe hängen. Und dann geht mal mit dem Gewicht des Rucksacks in die Knie, um das Malheur zu beseitigen, ohne Euch groß bewegen zu können
Ein Erlebnis hatte ich in Wolfenhausen. Dort war ich dann zur Mittagszeit, etwas hungig und hatte den letzten großen Anstieg vor mir. Ich suchte den dortigen Metzger auf, um ein Fleischkäse-Brötchen zu kaufen. Mit der Aussicht darauf wollte ich mir ... sozusagen wie man einen Esel mit der vor dem Maul hängenden Möhre lockt ... das ganze "schmackhaft" machen.
Natürlich weckte ich in meinem Aufzug die Neugier im Laden. Ob ich nach Freienfels unterwegs sei. "Ja!"
Dass ich ja Glück hätte mit dem Wetter und auch das bejahte ich. Und auch die Frage, wo ich herkäme, habe ich beantwortet, was ein anerkennendes Nicken und entsprechende Bemerkungen hervor rief. Als ich dann aber erwähnte, dass dies nur die Probe für eine noch größere Wanderung wäre ... und erzählte, da wurden die Augen so groß wie die Presskopf-Blasen in der Auslage
Und dann meldete sich der Metzger-Meister zu Wort:
"Wo ist denn Ihr Mann?" "Der ist zu Hause und betreut unseren Sohn."
Ungläubiger und überraschter konnte ein Blick nicht sein. Also fügte ich hinzu:
"Ich brauche auch keinen Mann ..." "Ach sie brauchen keinen Mann?"
Ich vermutete, dass ich gerade in eine bestimmte Schublade gesteckt. Also fürte ich den Satz zu Ende:
"... auf der Wanderung brauche ich keinen Mann, sonst natürlich."
Ob diese Worte auf den richtigen Boden gefallen sind, weiß ich nicht. Aber eine der Verkäuferinnen fragte noch, wo denn die anderen sind, die mitwandern. Und als ich sagte, es gäbe keinen, stand ihnen der Mund offen ...
... übrigens, ich bin den Berg mit dem Fleischkäse-Brötchen spielend hinauf gekommen ...
Auf den letzten 2 km wurde ich dann noch von Babs, einer lieben Freundin, begleitet. Sie hatte es mir fest versprochen und gehalten, obwohl sie normalerweise krankheitsbedingt überhaupt nicht "gut zu Fuß ist". Doch es war mir eine wirkliche Unterstützung, sie dabei zu haben!!! Erzählt habe ich in Freienfels auch viel ... nicht nur für meine beiden kleinen Ritter Felix und Jan, für Teresa und die liebe Familie Belzer (die genau zum richtigen Zeitpunkt am Stand von Denjas Leckereien waren, wo ich am Samstag nachmittag als Erzählerin angekündigt war) ... am Freitagabend vor und nach dem sehr angenehmen, feierlichen und familiären Beltane-Ritual bei Rudek's Anamchara ... und am Samstag abend im Lager der Ursellis Historica. Dort weilten der "Wächter der Hayner Burg" mit seiner Gemahlin und Gefolge als Gäste. Und was soll ich sagen: Beim Geschichtenerzählen werden sogar ganz harte und rauhe Ritter butterweich ...
... und eigentlich schon sehr müde Geschichtenerzählerinnen wieder wach Es war jedenfalls weit nach Mitternacht, als ich Sonntag morgen auf mein Feldbett kroch.
Das Wandern ist Walburgas Lust Das Wandern ist Walburgas Lust Das Wa-han-dern. Das würde nicht Walburga sein, wenn niemals fiel' das Wandern ein, wenn niemals fiel' das wanndern ein, Das wa-han-dern. Das Wa-ha-ha-ha-ha-han-dern Das Wa-ha-ha-ha-ha-han-dern Das Wa-han-dern, das Wa-han-dern, das Wa-han-dern.
Vom Wasser hat sie es gelernt, Vom Wasser hat sie es gelernt, Vom Wa-has-ser. Nach Freienfels sie gewandert kam, Das Weiltal hat's ihr angetan, Das Weltal hat's ihr angetan, Ihr an-ge-tan. Beim Wandern fühlst du dich so frei. Walburga, unsre Seanachai*, Walburga, unsere Seanachai*, Du bist so frei.
Nun soll' nicht mehr nur der Taunus sein, Ganz Deutschland will bewandert sein, Be-wan-dert sein. Du nimmst dein Herz fest in die Hand, Du kleidest dich in dein Gewand und läufst zu Fuß durchs ganze Land Im Mittelalter-Gewand. Und wir bewundern Deinen Mut und bitten Dich: Sei auf der Hut, dann geht bestimmt auch alles gut, Ja: Alles gut.
Das Wandern ist Walburgas Traum Das Wandern ist Walburgas Traum Walburgas Traum. Drum geht sie jetzt von Ort zu Ort, erzählt Geschichten hier und dort, erzählt Geschichten hier und dort, an jedem Ort. Walburga, unsere Seanachai*, Nun wandre los und fühl' dich frei, Nun wandre los und fühl' dich frei, Jetz im (schönen) Mai.
Dieses Lied haben mir dann am Sonntag nachmittag liebe Freunde (u. a. von den Reifenberger Härmleins, die Danzerey Altweilnau, Tanzgruppe Stante Pede und andere Besucher der Freienfelser Ritterspiele) live und a capella zum Abschied gesungen.
Es war ja von Andrea Rudek schon lange angekündigt, dass sie mich in Freienfels offiziell verabschieden wollten. Was ich dann aber gestern erlebte, war doch überwältigend für mich ... irgendwie hatte es sich schon angekündigt, mir wurde ab Mittag so drückend auf der Brust, ich konnte nichts mehr essen, eine seltsame Erwartung machte sich breit. Sie sangen dieses und noch ein weiteres Lied (das Andrea erst während der Freienfelswoche nach einer irischen Melodie geschrieben hatte und das die Geschichte des "Langen Strumpfstrickers" erzählt). Ich bekam Geschenke ... einen Anhänger mit dem Reifenberger Wappen, auf dem alle unterschrieben haben (Er hängt schon an meinem Rucksack) sowie eine Wegzehrung (Brot, Salz, Speck, Apfelringe und Nüsse) ...
Gudrun Bausch war extra deswegen gekommen und hatte Waffeln für alle mitgebracht. Der selbstgemachte naturtrübe Met von Andrea und Ronald Rudek mundete vorzüglich.
Dankbar verneige ich mich für die vielen Glück- und Segenswünsche, die ich zu meiner Wanderung erhalten habe. Sie werden mich begleiten und tragen.
Am 05.05.2010 bin ich dann zu meiner Geschichtenwanderung 2010 aufgebrochen. Viel kann ich dazu erzählen ... einen kleinen Einblick gibt dieser Download:
Am 06.06.2010 kam ich wohlbehalten in Potsdam auf dem Alten Markt an. An der Speicherstadt Potsdam (hier hat mein Opa früher gearbeitet und ich durfte als 5 - 6jährige manchmal dabei sein) waren mir Bernd und Richard entgegen gekommen. Gemeinsam gehen wir auf die Nikolai-Kirche zu. Ich fühle mich auf einmal sehr ergriffen ... und kann gar nicht glauben, dass ich es jetzt wirklich und wahrhaftig geschafft habe. Eine Frau kommt auf uns zu ... Presse? Nein, sie stellt sich mir als "Gartenresie von den MPlern" vor (ein Internet-Forum, in dem schon seit Jahren gelegentlich schreibe und in dem meine Wanderung schon die ganze Zeit verfolgt wurde). Sie ist extra aus Hamburg gekommen, um mich im Namen aller zu begrüßen!!! Ich kann es gar nicht fassen ... eine Frau, die ich noch niemals gesehen und mit der ich mich bis jetzt jedenfalls auch noch nicht viel online unterhalten habe, fährt mit ihrem Mann 5 Stunden nach Potsdam, um mich zu empfangen ...
Wir gehen in die Kirche. Ich habe das drängende Bedürfnis, "Danke!" zu sagen. "Der Herr hat Gnade gegeben zu meiner Reise." - Das waren die Worte der Beckerin, als sie in Potsdam ankam. Ja, so ist es. Und ich bin froh darüber, dass keine Presse da ist und kein "großer Bahnhof" veranstaltet wird. So kann ich diesen Moment wirklich für mich erleben!
Nach meiner Wanderung erhielt ich noch einmal Post von Margot Becker aus Eschbach. Neben einigen Original-Fotos von unserem Treffen auf meiner ersten Etappe an den Eschbacher Klippen hat sie mir folgende Daten aus dem Familienbuch der Kirchengemeinde Eschbach geschickt, die sich auf der Seite 122 unter Nr. 284 finden:
Becker, Johann Anton, Quartiermeister Tauftag: 26.09.1700 wurde 1727 von Preußischen Werbern nach Potsdam verschleppt verheiratet mit Körner, Anna Katharina Tauftag: 03.12.1705 Trauung: 14.11.1724
Dies sind also der wirkliche "Wolf" Becker und seine Frau. Die Daten stimmen vollkommen mit dem Inhalt der Geschichte überein, so wie ich sie von verschiedenen Seiten gehört habe. Er wird als 5 Jahre Älter als seine Frau beschrieben und das Ganze wird durch diese Daten bestätigt:
Kinder: 1. Johann Anton, geb. 12.08.1726 2. Maria Katharina, geb. 09.01.1736 Ort unbekannt /Potsdam ?
Also ist seine Frau wirklich in Potsdam angekommen und hat dort die Tochter zur Welt gebracht. Zu dieser Tochter ist noch vermerkt, dass sie in Usingen 1761 geheiratet hat (ist also in die Heimat ihrer Eltern zurück gekommen) und auch dort 1814 verstorben ist.
Der 1726 geborene Sohn der Beckers ist in Eschbach geblieben und hatte laut Familienbuch 6 Kinder, verstorben ist er 1767.
Über den "Langen Becker" und seine Frau ist nichts mehr in den Kirchenbüchern vermerkt. Somit ist es wohl wirklich so, dass beide in Potsdam verstorben sind.
Eine Begebenheit meiner Wanderung beschäftigte mich noch tagelang - ja auch jetzt noch. Deshalb leite ich damit hier an dieser Stelle sozusagen meine persönlichen Abschluss-Gedanken ein:
Im "Kinderprojekt Arche" in Potsdam, wo ich zum Abschluss erzählte, wurde ich von einem etwa 10jährigen Mädchen angesprochen, ob ich wirklich die ganze Strecke gelaufen bin. Wir haben uns eine Weile unterhalten und ich beschrieb ihr auch, wie lang der Weg gewesen ist und einiges von dem, was ich unterwegs gemacht hatte. Plötzlich fragte sie mich: "Ich dachte immer, so etwas machen nur Behinderte?" Ich war total verblüfft und wollte wissen, was sie damit meint. Sie erklärte mir, dass eben Menschen, die "nichts zu tun hätten", eben "Menschen mit Langer Weile" nur auf die Wanderschaft gehen würden. Nun hätte ich gerne gewusst, warum sie solche Menschen eben mit Behinderung in Verbindung bringt, doch das konnte sie mir nicht erklären.
Ich wurde sehr, sehr nachdenklich und ich habe mich im Nachhinein mit meinem Mann, meinem Sohn und auch Freunden unterhalten. Kann es sein, dass im Umfeld dieses Mädchens von "geistig Behinderten", "Bekloppten", "Irren", "nicht mehr ganz normalen" die Rede ist, wenn Menschen andere Ansichten haben, als man selbst ... wenn sie sich anders verhalten als es eben von der Gesellschaft heute als "normal" angesehen wird?
Bemerkenswert war für mich auch, dass - kurz nachdem ich einmal diese Begebenheit im Bekanntenkreis erzählt hatte - der Sohn von Freunden auch die Meinung eines anderen als "spastisch" bezeichnete. Ich wurde sofort hellhörig und habe ihn gefragt, ob ihm bewusst ist, was er da gerade sagte ... ob ihm dazu wieder meine Geschichte einfällt. Er war überrascht ... und als ich den Bezug zur "behindert" erwähnte, wurde er betroffen. Und da wurde mir wieder bewusst: Gehen wir vielleicht oft zu achtlos mit unseren Gedanken und daraus resultierend mit unseren Worten um?
Und während ich das hier schreibe, fällt mir auch wieder der Fall unseres "Einsiedlers" ein, über den ich gestern erst mit einer Dorfbewohnerin sprach. Auch sie vermisst die menschliche Seite bei den behördlichen Entscheidungen. Könnte es sein, dass auch über den "Einsiedler" einige sagen, dass er "nicht ganz richtig im Kopf" ist?
Stefan Habig (ein Dorfbewohner von uns, dessen wunderschöne Steintürme in den Wäldern unserer Umgebung ich immer so sehr bewundere) hat den "Einsiedler" in dem Zeitungsartikel als "Freigeist" bezeichnet. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn dies später ... in vielen Jahren, wenn ich wirklich alt und grau bin ;-) ... jemand über mich sagt.
Als ich die Idee zu dieser Wanderung hatte, da war mein Ziel: Wenn ich in Potsdam ankomme, dann werde ich 550 km "auf Schusters Rappen" hinter mir haben. Das wird eine Leistung sein, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten habe. Ich werde erleben, wie eine Frau sich fühlt, die alleine auf sich gestellt ist. Am Ende werde ich wissen, was ich mit Liebe, Leidenschaft und Begeisterung erreichen kann - wie weit ich für die Liebe und mit ihr im Herzen gehen würde ...
Heute weiß ich: Ich würde wirklich sehr, sehr weit gehen!